Die Überblicksbar

Der 10. Stock in der Bar des Motel One Berlin-Upper West. „An den Überblick kommt nichts ran“, sagt Jim Rakete, Starfotograf und selbst Star. Der gebürtige Berliner, der in den 70er und 80er Jahren Bandmanager von Nina Hagen und Nena war, ein Wegbereiter der „Neuen Deutschen Welle“, wurde in den 90ern mit seinen großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts selbst berühmt.

Für Motel One hat er die erste deutsche Schauspielgarde vor der Linse gehabt: Moritz Bleibtreu, Christiane Paul, Jürgen Vogel, Wotan Wilke Möhring, Katharina Thalbach oder Birgit Minichmayr. Hier sind sie zu sehen. Jim Rakete schaut lieber aus dem Fenster als auf seine Bilder: „An einem klaren Tag kann man hier den vollen Durchmesser der Stadt sehen“. Dabei sei er kein klassischer Bar-Besucher, räumt der Mann ein, der zehn Bücher veröffentlicht hat, in Museen und Galerien ausgestellt wird. Also ein Mann, der es gewohnt ist, öffentlich zu sein.

„Hier komme ich gerne her, weil es so unprätentiös ist.“ Er nippt am Weissbier. Unprätentiös. Keine Schnörkel, nichts Überflüssiges, so wie seine Fotos. Und trotzdem „hingebungsvoll“. Noch so ein Rakete-Lieblingswort. Der mit Sprache so sorgsam umgeht, wie mit Fotografie. Nach 62 Jahren hinter der Kamera. Mit vier hat er angefangen, jetzt ist Rakete 66. Und da fängt das Leben ja an. Rakete genießt es auf jeden Fall, in jedem Moment. Jetzt grade in einem drehbaren Designerledersessel von Baxter. Bewegung in der Ruhe. Blickt er in den Raum, sieht er feinstes Mobiliar der Gegenwart, bequeme Sofas, eine raumgreifende Bar aus Holz und Messing. Dreht er sich zum Fenster, geht langsam die Sonne über dem Tiergarten unter. „Letzte Woche habe ich eine Band auf der großen Terrasse hier fotografiert“, sagt er nach einer weiteren Drehung auf eine neue Perspektive. Mit 66 Jahren ... hat er viel gesehen. Aber noch nicht genug.